Vergangenheitsbewältigung

Herrschaft der Lüge

Dr. Wolfgang Zeman

Es ist zu begrüssen, dass sich die FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) im Leitartikel vom 30. Juli 1997 – „Vom Treuhänder zum Prügelknaben“ – um eine kritische Darstellung der sogenannten „Nazi-Gold“-Affäre bemüht hatte, doch lässt die dabei geübte Zurückhaltung von Konrad Mrusek bei der Diskussion der Verursachung des Problems und, noch mehr, der tatsächlichen historischen Verhältnisse und Vorgänge wieder einmal erkennen, wie erfolgreich Medien und Politik die „Erkenntnisse“ der Öffentlichkeit beeinflussen.

Das Problem, das 1948 vertraglich und durch Akt des amerikanischen Kongresses 1954 auch gesetzlich abgeschlossen schien, wurde 1996 vom US-Senator D'Amato wieder eröffnet. Dieser glaubte, mit der Behauptung, dass die Schweizer den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus Hunderte von Millionen, wenn nicht Milliarden von Dollars wissentlich vorenthalten hätten, eine Handhabe zu entwickeln, mit deren Hilfe er die jüdischen Stimmen für seine Wiederwahl als Senator des Staates New York gewinnen könnte. Dabei baute er einmal auf einen erfolgreichen Präzedenzfall: 1962 entzog die Familie Kennedy der Behindertenforschung und -betreuung plötzlich alle bisher zugesagte finanzielle Unterstützung, um die damit freigewordenen Millionenbeträge der New Yorker Yeshiwa Universität zu schenken, wodurch Robert Kennedy die Wahl zum Senator von New York durch die jüdischen Stimmen gewährleistet wurde. Zum anderen brauchte sich d'Amato wegen der offensichtlich falschen Darstellung der Situation keine Gedanken zu machen, da heute nur noch wenige Zeitzeugen am Leben sind, und als moderner Liberaler wusste er, dass eine erfolgreiche Verteidigung gegen bewusste und clevere Desinformation ziemlich schwierig und meist unmöglich sein dürfte. Er will als Menschheitsbeglücker des modernen Typs erscheinen, der jenen, die er wehrlos gemacht hat, das wegnimmt, was er seinen Gefolgsleuten zu schenken gedenkt.

Um die Vorgänge zu verstehen, muss die geschichtliche Entwicklung, die die Schweiz zum Paradies der Anleger gemacht hat, berücksichtigt werden. Als die modernen Demokratien dazu übergingen, das Geld und damit die Ersparnisse der Bevölkerung zu manipulieren, um sie besser in den Griff zu bekommen, hielt die Schweiz sich zurück. So begannen die ersten Gelder aus den USA nach der Schweiz zu fliessen, nachdem Lincoln den legal tender act unterzeichnet und der Bankier Warburg* 1913 das Federal Reserve System [die US-Notenbank] geschaffen hatte. Die Regierung Frankreichs liess durch den von ihr geübten Rentenbetrug den Geldfluss weiter anschwellen, und die Folgen der politisch verursachten Inflation der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg machten vollends klar, dass unter den demokratisch regierten Ländern der Welt nur die Schweiz das Recht auf Eigentum respektierte, und dies nicht nur für ihre Staatsbürger. Diese Situation wurde von vielen genutzt, die ihre Ersparnisse dem unkontrollierten Zugriff der Politiker entziehen wollten.

Das Sparerparadies Schweiz erlebte den ersten Angriff 1934, als die deutsche Regierung ein Gesetz verabschiedete, das deutsche Staatsangehörige mit Zuchthausstrafe bedrohte, wenn sie nicht bis zu einem gewissen Stichtag ihre ausländischen Guthaben den Behörden angezeigt hatten. Den Eigentümern wurde anheimgestellt, die Devisenbeträge der Reichsbank anzubieten, die sie in Mark umtauschen würde. Wer diese Anordnung nicht befolgte, konnte sich der Strafverfolgung durch Auswandern entziehen, wovon z.B. die Familie der heutigen US-Aussenministerin Albright-Korbel Gebrauch machte. Wenn die deutsche Regierung – auf welche Weise auch immer – nicht gemeldete Guthaben entdeckte, wurden die Inhaber durch Strafandrohung dazu gebracht, ihr Geld ohne entsprechende Gegenleistung dem Deutschen Reich zu übertragen. So geschehen vielen Juden in Deutschland und in den besetzten Gebieten, ebenso meiner Familie.

Wie hat sich nun die Schweiz angesichts dieser üblen Rechtslage verhalten? Um es vorwegzunehmen, absolut honorig. Zunächst wurde das Bankengesetz so reformiert, dass es der deutschen Regierung künftig unmöglich sein sollte, Einblick in die Eigentumsverhältnisse Dritter zu gewinnen. Dieses Gesetz wird heute allgemein als Bankgeheimnis bezeichnet. Sodann schuf die Schweizer Regierung eine Behörde, die unter dem Vorsitz des vormaligen Schweizer Botschafters in Berlin, des Ministers Hans Frölicher, die Bewegungen der konfiszierten und erpressten Gelder protokollieren sollte, und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sollte den Ursprung der deutschen Goldlieferungen ohne Vorbehalte ergründen.

Aufgrund dieser mit Erfolg durchgeführten Massnahmen konnte die Schweiz sofort nach Beendigung des Krieges die Rückführung der geraubten Gelder in Angriff nehmen. Das Büro Frölicher nahm Verbindung mit den Opfern auf. Zuerst wurden die von den Deutschen enteigneten Goldbestände Hollands, Belgiens und Frankreichs repatriiert. Dann erfolgten Rückzahlungen an Firmen und Individuen in diesen Ländern. Dieses Unternehmen wurde 1946 jedoch plötzlich gestoppt. Die USA hatten eine gerichtliche Verfügung erwirkt, die Zahlungen einzustellen, da sie die Gelder als Kriegsbeute beanspruchten, weil sie nämlich aus Konten stammten, welche das Büro Frölicher als Besitz nationalsozialistischer Organisationen und Funktionäre enttarnt hatte. Insgesamt soll es sich damals nach Berichten der „Weltwoche“ um über siebenhundert Millionen Schweizer Franken gehandelt haben. An deutsche Staatsbürger wurde wahrscheinlich nichts zurückgegeben; jedenfalls teilte uns damals das Büro Frölicher mit, dass wir unsere nachgewiesenen Ansprüche bei der US-Treasory anmelden sollten. Die Amerikaner hatten sich der Schweiz gegenüber verpflichtet, berechtigte Ansprüche Dritter am Beutegut zu befriedigen, aber es ist niemals bekanntgeworden, ob und in welchem Umfang die versprochene Wiedergutmachung erfolgt ist.

Die Schweiz wurde also genötigt, ihre Bemühungen um eine finanzielle Wiedergutmachung abzubrechen, und die USA vereinnahmten die Gelder, die deutsche Behörden abgepresst hatten. Damit aber waren die Amerikaner noch nicht zufrieden. Sie bestanden darauf, dass die Schweizer Firma Interhandel ebenfalls zu ihrer Kriegsbeute gehöre, da es sich um den eigentlichen Besitz der deutschen IG Farben Industrie handle. Trotz überzeugender Gegenargumente musste die Schweiz nach Jahren die Enteignung der Interhandel verfügen, und deren gesamtes Vermögen den USA übertragen.

Viele Amerikaner, ganz besonders die Juden, fanden damals das Verhalten ihrer Regierung empörend, und es dauerte sieben Jahre, bis sich 1954 ein demokratisch dominierter Kongress fand, der diese Enteignungs– und Beuteanspruchsverträge ratifizierte. Das Kapitel wurde 1956 abgeschlossen mit dem Verkauf der Aktien der verschiedenen Interhandelstöchter, voran die General Aniline and Dye, zugunsten der US-Treasory.

In Anbetracht dieser Tatsache ist es unverständlich, dass den Schweizern heute auf einmal moralische Vorhaltungen gemacht werden. Die Vorwürfe von Senator D'Amato sind insgesamt unbegründet. Jedoch bewirkt das Zerknirschungsgetue einiger Schweizer Betroffenheitspolitiker – eine dem Zeitgeist Genugtuung gebende Heuchelei, die in Deutschland bestens bekannt ist –, dass sich die öffentliche Meinung langsam aber stetig auf eine Akzeptanz der Desinformationen zubewegt, woran auch die hochherzigen Bemühungen von Lord Dahrendorf leider nichts ändern können. Auf diese Entwicklung hatte D'Amato spekuliert. Dass sie stereotyp, ja fast gesetzmässig immer in dieser Richtung verläuft, hat der kürzlich in die französische Nationalakademie erhobene Jean-François Revel in seinem Werk „Die Herrschaft der Lüge – Wie Medien und Politiker die Öffentlichkeit manipulieren“ überzeugend dokumentiert.

(Anm.: Anbetrachts dieser Tatsachen scheinen folgende Fragen berechtigt: Was hat die Bergier-Kommission überhaupt zu prüfen? Sind die 20 Millionen (!) die sie die Steuerzahler kostet gerechtfertigt oder handelt es sich um einen riesigen Betrug, bei dem sich einige eine goldene Nase verdienen? Warum weist der Bundesrat, anstelle seines unterwürfigen Gebarens, Forderungen nicht mit Bausch und Bogen von sich?)

Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung des Autors. Vollständiger Erstabdruck in Sleipnir 4/97. Vierteljährliche Zeitschrift im Verlag der Freunde, Pf. 350264, D-10211 Berlin. Der Beitrag erschien in stark gekürzter Form, in der 1. Augusthälfte, als Leserbrief in der FAZ.


Fussnote

* Es handelt sich um den amerikanischen Rothschild-Bankier Paul Warburg (nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls jüdischen Grossbankier und Rothschildagenten James Warburg). An der Spitze der Rothschild-Bankiers gelang es ihm, per Gesetz die amerikanische Nationalbank in ihre Hand zu bekommen; bis heute befindet sich diese Zentralbank, das „Federal Reserve System“, in privatem (mittlerweile Rothschild– und Rockefeller–!)Besitz und unterliegt keinerlei Aufsicht durch die US-Regierung oder das US-Parlament.