Schreiende Undankbarkeit

Ernst Indlekofer

Die antischweizerische Hasspropaganda beginnt sich zu überschlagen. Ein neuerliches Beispiel für den grassierenden „Anti-Helvetismus“: Zwei in den USA. lebende Juden wollen Schadenersatz von der Schweiz, weil sie gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in Flüchtlingslagern Arbeitsdienst leisten und auf Strohsäcken haben schlafen müssen und zu wenig zu essen erhielten.

Das ist ein Faustschlag ins Gesicht der Aktivdienstleistenden, die ihre besten Jahre zur Verteidigung unseres Vaterlandes opferten sowie der gesamten Schweizer Kriegsgeneration die grosse Entbehrungen erduldete. Schweizerfrauen verrichteten harte Männerarbeit während ihre Väter und Söhne stundenlange Märsche mit schwerem Gepäck, Wachestehen bei grösster Hitze oder Kälte aushalten mussten und wenig zu essen kriegten. Jahrelang! Doch sie sprechen nicht von Menschenrechten und Entschädigung.

Alle Grundlebensmittel sowie Zigaretten waren während des Krieges streng rationiert und nur gegen Lebensmittelmarken erhältlich, mit welchen unter der Bevölkerung auch reger Tauschhandel getrieben wurde. Als 39er kann ich mich lebhaft daran erinnern, wie ich als dreijähriger Bub meine Mutter an die Basler Utengasse begleitete, wo sie auf dem Amt regelmässig solche „Märkli“ abholen musste, ohne die es nichts Essbares zu kaufen gab. In der kleinen Dreizimmerwohnung war nur der Ofen in der guten Stube spärlich geheizt. Nachts war es bitterkalt. In der Küche und den karg möblierten Schlafstuben zierten in den Winternächten des Jahres 1942 Eisblumen die Fensterscheiben. Vor dem Schlafengehen bereitete meine Mutter heisse Bettflaschen, die unsere Betten anwärmten. An der nahen Gasstrasse war ein riesiger Kohlenhaufen des Gaswerkes mit weisser Farbe besprüht. Kohlendiebe hatten es schwer. Von meinem Vater kam zu jener Zeit öfter ein Militärpostpaket aus Andermatt mit lieben Grüssen und mit Käse, von dem er bloss die grossen Löcher für sich behalten hatte und daher auf seinem nächtlichen Strohlager wohl das Magenknurren gekriegt hatte. Zum Käse gab es ein Stück Brot. Oft zog es Fäden beim Zerteilen, weil der Bäcker dem Weizen- Kartoffelmehl beimischte. Es musste eben an allem gespart werden. Zu Besuch bei Tante Jeannette am Schützengraben sah ich vom Balkon Richtung Grenze ein Flugzeug, das beim Absturz eine lange Rauchfahne nach sich zog. Ein unzweifelhaftes Zeichen des Krieges. Man war sich dessen ganz bewusst – damals – und war dankbar, dass man in der Schweiz verschont blieb.

Im Winter 1943 war ich dann mit meiner Schwester im Kinderheim „Sunneblick“ auf der Rigi. Zum Mittagstisch gab es jeweils ein einziges winziges Stück Brot von vielleicht fünf auf fünf Zentimetern, zum auf die Gabel „aufschüfele“, wie man uns einbleute. Es musste bis zum Ende der Mahlzeit hinreichen. Nicht ohne Stolz erklärte ein Kinderfräulein wie es auf dem Schiff von Luzern nach Küsnacht an einem einzigen „Weggli“ gekaut habe, so viel Zeit habe es sich gelassen, um den Hunger zu besänftigen. Alle litten unter Nahrungsmangel. Wie man in der Basler National-Zeitung vom 1. August 1945 nachlesen kann, bekamen damals internierte Juden mehr zu Essen, als die einheimische Bevölkerung. Näheres dazu in unserem Internet-Beitrag „Kinder aus Buchenwald?“.

Mit Phantasie und Rabulistik wird heutzutage jede Tatsache in ihr Gegenteil verdreht.