Der kalte Frieden

Aus globaler Perspektive lässt sich der heutige Zustand der Welt – trotz wachsender kriegerischer Auseinandersetzungen auf allen Kontinenten – als ein «kalter Frieden» bezeichnen, denn nach der Auflösung der Blöcke des Kalten Krieges ist derzeit keine globale Konfrontationslinie in Sicht. Doch die Kälte dieses Friedens ist weltweit offensichtlich: Nicht Regierungen, sondern global operierende Unternehmen dominieren die politischen Entscheidungsprozesse, gewachsene Solidargemeinschaften lösen sich auf, die Kluft zwischen Arm und Reich wächst im globalen Massstab wie innerhalb der Gesellschaften, eine zunehmend uniformierte Weltkultur verbreitet kalte Monotonie, die Umweltzerstörung schreitet allenthalben voran. Welches sind die treibenden Kräfte dieser Globalisierung? Ist die Erkaltung der sozialen Beziehungen unaufhaltsam? Oder lässt sich die Entwicklung noch politisch beeinflussen und demokratisch kontrollieren? Ignacio Ramonet* schreibt dazu:

Was wir derzeit erleben, ist eine zweite Kapitalistische Revolution. Nach den Entdeckungs- und Eroberungswellen des 16. bzw. 19. Jahrhunderts ist die Eroberung in ein neues Stadium getreten. Doch während die Akteure früher die Staaten waren, sind es heute Konzerne und Kapitalgruppen. Globalisierung bedeutet aber auch und vor allem, dass sämtliche Lebensbereiche dem Markt einverleibt werden. Der Markt verallgemeinert Worte und Dinge, Körper und Geist, Natur und Kultur, er macht sie konsumfähig. Der masslose Produktivismus ist der wichtigste Grund für die Ausplünderung unseres Planeten, nachhaltige Entwicklung statt schnelle Beute ist das wichtigste Entwicklungsziel.

Die neue Hierarchie der Staaten beruht nicht mehr auf militärischer Macht und der Verfügung über Rohstoffe, sondern auf der Fähigkeit, die technologischen Veränderungen zu beherrschen und die Finanzwelt zu dominieren. Der Niedergang nationaler Märkte beraubt die Nationalstaaten ihrer Basis. Die Regierenden befolgen die wirtschaftspolitischen Vorgaben globaler Organisationen wie IWF und WTO, die staatliche Politik einer regelrechten Diktatur unterwerfen.

Die verantwortlichen Politiker haben in den letzten zwanzig Jahren die totale Liberalisierung des Kapitalverkehrs und massenhafte Privatisierungen unterstützt, also zugelassen, dass wesentliche Entscheidungen (über Investitionen, Arbeitsplätze, Gesundheit, Bildung, Kultur und Umweltfragen) aus dem Öffentlichen ins Private abgewandert sind. Unter den 200 grössten volkswirtschaftlichen Einheiten der Welt sind die Hälfte nicht Staaten, sondern Unternehmen. Das Engagement der Bürger richtet sich also gegen die Zerstörung der Gemeinschaften, gegen die Aneignung des privaten Lebens durch den Markt.


Fussnote

* Ignacio Ramonet ist Direktor der Zeitschrift Le Monde diplomatique, welcher wir diesen Beitrag der Ausgabe vom Juni 2000 auszugsweise entnommen haben.