Verantwortungsbewusst oder fahrlässig?

Nach Aussage Schmidheinys hätten erst die Terroranschläge vom 11. September 2001 die Swissair in die Illiquidität getrieben. Solche Aussagen sind leeres Geschwätz, denn vom «11.9.» waren alle Fluggesellschaften gleichermassen betroffen, ohne dass sie deswegen «gegroundet» hätten.

Die Finanzspritze von 150 Millionen Euro an die bereits konkursite Airline Sabena sei Schmidheiny zufolge auf Druck Belgiens erfolgt, dessen Regierung gedroht habe, die bilateralen Verträge mit der Schweiz zu verhindern.

Wenn man an dieser Stelle ein wenig weiter denkt, stellt sich die Frage, ob der Verlust uneingeschränkter Souveränität der Schweizerischen Eidgenossenschaft zufolge der sektoriellen Abkommen mit der EU (bilaterale Verträge inkl. Luftverkehrsabkommen und Personenfreizügigkeit) das Werk von Superreichen der Schweiz gewesen ist? Sind sie, diese Superreichen der Schweiz, für die steigenden Fiskal- und Soziallasten des ehrlich arbeitenden Volkes verantwortlich, und für seinen gleichzeitig härteren Existenzkampf zufolge dieser «schlechtesten Verträge», wie sie Dr. Chr. Blocher genannt hatte?

Die Angeklagte Vreni Spoerry hätte als Verwaltungsrätin «alles unternommen, um die Swissair zu retten». Und der Angeklagte Thomas Schmidheiny wies Gläubigerschädigung zurück und insistierte gar, «die Finanzspritze von 150 Millionen Euro sei richtig gewesen». Doch die Swissair fuhr in ihrem Kerngeschäft schon Jahre vor ihrem «Grounding» Defizite in dreistelliger Millionenhöhe ein! Ob vor diesem Hintergrund das Investieren in die marode Sabena verantwortungsbewusst oder fahrlässig im Sinne von Gläubigerschädigung war, das ist hier die Frage.

(Ernst Indlekofer, im Neuen Bülacher Tagblatt, 27.1.2007, S. 13)

Nachtrag: Der Prozess um das Swissair-Debakel erhielt mit der Aussage von Ex-Swissair-Verwaltungsratspräsident Eric Honegger zusätzliches Sprengpulver: Wie von der Tagespresse am 30. Januar berichtet wurde, sollen die EU-Turbos Moritz Leuenberger und Joseph Deiss die Swissair gedrängt haben, Millionen in die marode Sabena zu investieren, erklärte der Angeklagte Honegger dem Gericht, «ansonst die bilateralen Verträge noch nicht ratifiziert würden». Dies entlastet den Verwaltungsrat nicht, doch die Frage bleibt, ob Alt-Bundesrat Deiss und Noch-Bundesrat Leuenberger Mitverantwortung an der Gläubigerschädigung, den Personalentlassungen und der Existenzvernichtung vieler davon Betroffener haben? Und nicht zuletzt auch Mitverantwortung für den Prestigeverlust unseres Landes durch das Aus einer zuvor weltweit höchst angesehenen Fluggesellschaft Swissair?

Ernst Indlekofer