Papst Ratzinger, kein Herz für Priebke

Rom, 25.7.2008

Lieber Herr Indlekofer,

besten Dank für Ihre Grüsse vom 27.6.2008. Inzwischen bin ich am 5.7. vom Chefarzt des Militärkrankenhauses operiert worden. Bei vollem Bewusstsein mit örtlicher Betäubung, in 70 Minuten ging alles glatt vonstatten, dann hing ich noch drei Tage am Tropf und konnte dann wieder nach Hause gehen und nun bin ich auf dem besten Wege der Genesung, habe auch meine zwei Spaziergänge pro Woche wieder aufgenommen und sitze wie immer am Schreibtisch vor einem grossen Stapel Briefe, der nun im Hinblick auf meinen Geburtstag am 29. Juli immer grösser wird. Gerade bei den Spaziergängen haben mich zweimal Polizisten gefragt: «Capitano, Sie werden nun 95 Jahre, wird man sie freilassen?» Und ich sagte: «Das musst Du deinen Staatspräsidenten fragen.» Ja, wo sind die berühmten universalen Menschenrechte? Wo das christliche Erbarmen – la misericordia? Hier ganz in meiner Nähe wohnt mein Landsmann Ratzinger – alle Bittbriefe meiner Freunde an ihn blieben ohne Antwort – nun fragen sich viele dieser Freunde: Was ist das für ein Stellvertreter Gottes? Sicherlich herrscht auch im Vatikan die «political Correctness», dem unsere westliche Welt unterliegt. Ich habe mehrere Priesterfreunde, sie haben keine Antwort auf diese Frage.

Ja, viele meiner Freunde brüten seit Jahren über der Frage, was können wir für Erich tun? Die Deutschen unter der Merkel oder sonstwem anderen, würden mich umgehend nach Rom zurückschicken. Da lob ich mir die Italiener: Sie haben solange mit den US-Autoritäten verhandelt, bis die ihnen eine italienische Terroristin auslieferten, die dort zu 40 Jahren Kerker verurteilt war. Sie wurde mit einer italienischen Regierungsmaschine nach Italien ausgeflogen, am Flughafen vom linken Innenminister mit Blumen begrüsst, war einige Monate im Gefängnis in Rom, bekam dann Hausarrest und läuft schon seit langem frei herum – sie war eine kommunistische Terroristin und niemand hat hier [gegen ihre Freilassung] protestiert – schon gar nicht die jüdische Gemeinde von Rom.

Und damit Schluss für heute. Mit meinen Grüssen verbinde ich meine besten Wünsche für Ihr persönliches Wohlergehen und sofern Sie auf Urlaub gehen, einen angenehmen Aufenthalt in den Bergen oder am Meer!

Im 15. Jahr meiner Gefangenschaft

sig. Erich Priebke