«Vae Victis» (Wehe den Besiegten)

Das erzwungene Schandurteil gegen Erich Priebke

Erich Priebke, 1913 unweit von Berlin geboren, entstammt einer preussischen Familie. Schon als Vierzehnjähriger begann er im Hotelwesen zu arbeiten. Mit zwanzig begab er sich nach Italien, wo er alsbald in einem Hotel eine Anstellung fand. Anschliessend arbeitete er im Grillroom des Hotels Savoy in London, ehe er an Weihnachten 1935 in seine Heimat zurückkehrte. Die wirtschaftliche Lage in Deutschland hatte sich gebessert und er hoffte mit den guten Kenntnissen zweier Fremdsprachen auf eine gute Anstellung. Im Frühjahr 1937 benötige man einen Italienisch-Dolmetscher für die Abteilung «Fremde Polizeien», die für die Beziehungen mit den Polizeien ausländischer Staaten zuständig war. Priebke kam zur Polizei und das Unglück, das sechzig Jahre später über ihn hereinbrechen sollte, nahm seinen Lauf. Am 26. Juni 1936 hatte Heinrich Himmler nämlich ein Dekret erlassen, das faktisch die Integrierung der Deutschen Polizei in die SS vorsah. Sein Eintritt Ende September 1937 zur Auslandpolizei machte ihn damit zum SS-Angehörigen. Die SS bestand aus sieben Abteilungen, darunter die GESTAPO. Priebke war dem Amt IV (Erforschung und Bekämpfung der Gegner) zugeteilt. Er unternahm mehrere Dienstreisen zur Begleitung ausländischer Funktionäre und absolvierte zu jener Zeit Ausbildungskurse in Kriminalistik und Gerichtsmedizin. Gegen Ende 1937 bekam er auf einer Dienstreise sein geliebtes Italien wieder zu sehen. Doch bald war er wieder in Berlin zurück. 1940 wurde er zum Oberleutnant befördert und seine beruflichen Pflichten brachten ihn mit einer Junker 52 erneut nach Rom. Zu anderen Tätigkeiten wieder in Deutschland zurück wurde ihm vor Weihnachten 1940 seine Versetzung nach Rom angekündigt. Im Februar 1941 traf er mit seiner Familie in Rom ein. Er war jetzt Angehöriger der deutschen Botschaft in Rom. Sein Chef war der um sechs Jahre ältere Herbert Kappler, der 1948 zu Lebenslänglich verurteilt werden sollte. Ende Oktober 1942 trat die achte britische Armee unter General Bernard Montgomery in Nordafrika zum Angriff an. Im November landete General Eisenhower in Nordafrika und besetzte Marokko sowie Algerien. Der Arbeitsrhythmus in Rom wurde immer hektischer. Nach dem Putsch gegen Mussolini und seiner Gefangennahme begannen sich die Dinge zu überstürzen. König Vittorio Emmanuele III und Pietro Badoglio sollten verhaftet werden. Am 26. Juli 1943 traf aus Berlin ein Rückrufbefehl für sämtliche Familienangehörige des deutschen Personals ein. Die Männer blieben allein zurück. Am 19. Juli hatten die Anglo-Amerikaner zum erstenmal Rom bombardiert. 270 fliegende Festungen verwüsteten das Viertel San Lorenzo. Dem Schreibenden ist nicht bekannt, wie viele Zivilisten getötet oder verletzt wurden. Am 14. August erfolgte ein zweiter, barbarischer Bombenangriff auf die zivile Stadt. Aufgrund der Richtlinien der Haager Konvention über die Gebräuche und Gesetze des Krieges erklärte die schockierte Badoglio-Regierung Rom zur Offenen Stadt. Das bedeutet, dass keine Kampfhandlungen mehr stattfinden durften, was auch von den deutschen Militärbehörden durch ein offizielles Abkommen anerkannt wurde. Dennoch setzten die Alliierten ihre Bombenangriffe fort. Am 13. März 1944 erklärte auch das Oberkommando der XIV. deutschen Armee Rom zur Offenen Stadt und ein offizielles Dekret bestätigte diesen Status.

Am 3. Sept. 1943 unterzeichnete die Badoglio-Regierung heimlich einen Waffenstillstand mit den Alliierten. So kam es, dass die deutschen Soldaten in Italien von Verbündeten zu Besatzern wurden. Man ging davon aus, dass die Drahtzieher des Staatsstreiches gegen Mussolini sich irgendwo in Rom verbargen. Kappler hoffte, ihnen auf die Spur zu kommen, was zur ersten operativen Aktion im Einsatz im polizeilichen Aussendienst Priebkes führte, dessen Abteilung sich auch mit Sabotagebekämpfung befasste. Die Büros der Sicherheitspolizei (Abt. IV) waren in einem Haus an der Via Tasso in Rom untergebracht.

Zu jener Zeit erwog man in Berlin die Möglichkeiten zur Endlösung der Judenfrage mit der Abschiebung der Juden nach Palästina. Schon 1933 schlug nämlich die jüdische Agentur für Palästina der Reichsregierung ein Abkommen über die Umsiedlung (Haavara) der Juden nach Palästina vor. In diesem Abkommen waren finanzielle Erleichterungen für die auswanderungswilligen Juden vorgesehen. Als vom Reichssicherheitshauptamt in Berlin Anfragen über die Lage der römischen Juden eintrafen, befürchtete man, dass sie in Arbeitslager gebracht werden sollten. Kappler lehnte jedoch eine antijüdische Politik gegenüber den Juden Roms ab. Seiner Meinung nach war es ein Fehler, sie zu verfolgen, sie hatten in Rom nie Schwierigkeiten bereitet. Auch hatten sie einen nicht unerheblichen Anteil an der faschistischen Machtübernahme Italiens.

Kappler stand in Verbindung mit dem Oberhaupt der jüdischen Gemeinde Roms, Ugo Foá, sowie dem Vorsitzenden der Union der jüdischen Gemeinden Italiens, Diego Almansi. Anfang Oktober 1943 musste man einsehen, dass alle Bemühungen Kapplers, die Deportation der Juden zu verhüten, vergeblich waren. Schon wenig später wurden rund tausend Juden festgenommen, eine grössere Zahl von diesen war wieder freigelassen worden. Kappler war nicht gewillt, Leute allein aufgrund ihrer Rasse festnehmen zu lassen; die Partisanenbekämpfung beanspruchte seine ganze Aufmerksamkeit. Das damit betraute Kommando zählte etwa 75 Polizisten, davon rund 40 Berufspolizisten. Es bestand die Gefahr, dass in der Bevölkerung versteckte subversive Elemente jederzeit zur Waffe greifen konnten. Feldmarschall Kesselring liess deshalb Plakate anschlagen, durch welche die Bevölkerung auf die Regeln des Kriegsrechts hingewiesen wurde. Es umfasste zehn Punkte, darunter: Alle gegen die bewaffneten deutschen Streitkräfte verübten Verbrechen werden nach deutschem Kriegsrecht geahndet; Organisatoren von Streiks, Saboteure und Freischärler werden von einem Standgericht abgeurteilt und erschossen; ich bin entschlossen, mit allen Mitteln Ruhe und Disziplin aufrechtzuerhalten und die zuständigen italienischen Behörden zu unterstützen, damit sie die Ernährung der Bevölkerung sicherstellen können.

Am 13. Oktober 1943 erklärte Badoglio in Brindisi, wohin er mit dem König geflüchtet war, dem verbündeten Deutschland den Krieg. In einer Radiosendung forderte er sämtliche Partisanen dazu auf, die Deutschen mit allen Mitteln, auch den heimtückischsten zu bekämpfen.

Am 9. November 1943 wurde Priebke zum Hauptmann befördert. Bei seinem Kommando an der Via Tasso war er der jüngste Offizier dieses Ranges. Seine Arbeitslast war drückend, weil er mit Kappler zusammen derjenige Offizier war, der die Italiener und ihre Sprache am besten kannte. Am 18. November 1943 fand in Rom der erste Attentatsversuch statt, anlässlich einer Versammlung der Armee der RSI, die von Benito Mussolini gegründete Repubblica Sociale Italiana. Glücklicherweise explodierte der Sprengkörper nicht. Die Täter gehörten einer stalinistischen Gruppe des kommunistischen Widerstands an; etliche von ihnen wurden verhaftet. Kappler befürwortete jedoch keine härteren Massnahmen gegen die Bevölkerung, denn er hegte starke Sympathien für Italien, er wollte keine Verschlechterung in den Beziehungen zu den Italienern. Das italienische Innenministerium hatte jedoch Sondereinheiten zur Bekämpfung subversiver Elemente gebildet. Zahlreiche Kommunisten, darunter eine Spezialeinheit, die Menschen aus dem Hinterhalt abzuknallen pflegte, konnten festgenommen werden. In der zweiten Dezemberhälfte 1943 fanden in Rom gleichentags zwei Anschläge statt. Sieben Italiener, davon eine Frau, fanden den Tod. Auf eine Gruppe deutscher Soldaten wurde eine Handgranate geworfen, ein dreissigjähriger Deutscher starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Am Tag danach explodierte wieder ein Sprengsatz, eine Italienerin wurde verletzt.

Am 22. Januar 1944 standen die Alliierten fast schon vor den Toren Roms. Im selben Monat kam es vor dem Eingang des Hotels Savoia, wo Autos der Wehrmacht geparkt waren, zu einem Anschlag. Glücklicherweise ohne Todesopfer. Ende Januar detonierte eine Bombe bei der Eisenbahnstation der deutschen Armee unweit des Bahnhofs Termini. Zwei italienische Frauen fanden den Tod. In der Nacht zum 2. Februar drang die italienische Polizei in die Basilica von San Paolo ein, die der Souveränität des Vatikans unterstand. Kappler hatte sich strikt geweigert, daran teilzunehmen. Der italienischen Polizei fielen vor allem Militärs, darunter ein hochrangiger General, in die Hände. Ebenso eine kleine Gruppe von Juden. Irgendwo arbeitete jemand fieberhaft darauf hin, dass sich die Spirale des Terrors weiter zu drehen begann, und schon nach kurzem erfolgten wiederum Attentate. Zwei Soldaten der Guardia Nazionale Repubblicana (Republikanische Garde) wurden getötet und dann ein deutscher Soldat. Das Oberkommando ordnete als Vergeltung die Erschiessung von zehn Partisanen an, die in den Tagen zuvor festgenommen worden waren. Fünf Tage nach diesen Hinrichtungen wurde in der Via Tomacelli eine Bombe auf einen faschistischen Umzug geworfen. Dabei fand ein Soldat den Tod, und es gab mehrere Verwundete.

Um sich für nach dem Krieg ein ehrendes Denkmal zu errichten, verübte die GAP (Gruppi die Azione Patriottica, Patriotische Aktionsgruppe) einen spektakulären Anschlag. Weil das Korporationsministerium in der Via Veneto gut bewacht war, entschieden sie sich, stattdessen auf eine Polizeieinheit zuzuschlagen, als diese zu Fuss durch die Via Rasella marschierte (es traf die 11. Kompanie des III. Bataillons Bozen, bestehend aus Südtirolern, die sich nach 1943 für Deutschland entschieden hatten). Die traurige Bilanz des Anschlags: 32 getötete Polizisten und 5 italienische Zivilisten, sowie 50 Schwerverletzte, darunter 20 italienische Zivilisten. Wenig später erging von Hitler persönlich der Befehl einer Repressalie: Für jeden getöteten Deutschen seien 10 Geiseln zu erschiessen. Eine Vergeltungsmassnahme schien jetzt unvermeidlich, falls sich die Attentäter nicht stellten. Für die Repressalie wurden ausschliesslich Häftlinge ausgesucht, die bereits zum Tode verurteilt oder nach Kriegsrecht mit der Todesstrafe zu rechnen hatten. Unter den 320 herausgesuchten Häftlingen befand sich auch eine Gruppe von Juden. Ein Aufruf über den Rundfunk, sich zu stellen, um die Repressalie zu vermeiden, blieb erfolglos. Hauptmann Schütz, Chef der Abteilung IV, versammelte das ganze Kommando und warnte: «Wer meint, er brauche nicht zu schiessen, kann gleich zu den Geiseln gehen, weil er nämlich auch erschossen wird.»

Erich Priebke wurde wegen der befohlenen Teilnahme an den Erschiessungen in den Ardeatinischen Höhlen zu Lebenslänglich verurteilt. Er wurde von kriminellen Elementen, unter Mithilfe des mit gefälschten Dokumenten hantierenden Rabbiners Marvin Hier vom Simon Wiesenthalcenter Los Angeles, in San Carlo de Bariloche in Argentinien gefangen genommen und 1994 unter fragwürdigen Umständen an Italien ausgeliefert. Priebke lebte mit Frau und Kindern knapp 50 Jahre friedfertig und als angesehener Mitbürger in Bariloche und besuchte während dieser Zeit mehrmals Italien und Deutschland. Anlässlich eines Prozesses im Jahre 1948 vor dem Militärgericht in Rom wurden bis auf Polizeikommandant Kappler sämtliche Kollegen Priebkes, die sich an den Exekutionen hatten beteiligen müssen, freigesprochen. Priebke selbst wurde damals vom Militärgericht noch nicht einmal vorgeladen. Ein internationaler Haftbefehl lag zu keiner Zeit gegen ihn vor.

Als der 83jährige Erich Priebke am 1. August 1996 freigesprochen wurde, hinderten in einem Akt von Freiheitsberaubung knapp hundert1 wutentbrannte, tobende Extremisten von der jüdischen Gemeinde Rom das gesamte Richtergremium mehrere Stunden lang am Verlassen des Gerichtssaals, bis Priebke um zwei Uhr in der Früh erneut verhaftet wurde.2 Mindestens ein Carabinieri wurde verletzt. Die vom Wiesenthalcenter mit unverschämten Lügen alimentierte Presse diffamierte Priebke fast einstimmig. Daraufhin kam es zu einem zweiten Prozess in dem Priebke zu vierzehn Jahren Freiheitsentzug und später zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Ein italienischer Anwalt erklärte, dass sich wegen einer kleinen Minderheit die italienische Justiz vollkommen dem Unrecht gebeugt habe. Am vergangenen 29. Juli ist Erich Priebke 95 Jahre alt geworden. Er befindet sich heute in Rom unter Hausarrest.

Der angebliche Rechtsstaat Deutschland versagte, als es darum ging, für den zu Unrecht schwer bestraften Erich Priebke, der als Vizepolizeiattachés der deutschen Botschaft in Italien die ihm gebotene Pflicht erfüllt hatte, widrigenfalls er selbst füsiliert worden wäre, Freiheit zu fordern.

Mitwirkende bei der «Niemals vergessen, niemals vergeben»-Fraktion waren Prominente wie Shimon Samuels, Vertreter des Pariser Wiesenthal-Zentrums und Oberrabbiner Toaff von der jüdischen Gemeinde von Rom. Bei der nachgewiesenen Dokumentenfälschung und Erfindung von Lügengeschichten mochte auch Rabbiner Hier vom Wiesenthalcenter in Los Angeles nicht abseits stehen. In einem Interview bezeichnete Hier den «Fall Priebke» als «internationalen Test für die Berlusconi-Regierung». Bekanntlich war Gianfranco Fini mit seiner rechtslastigen Alleanza Nazionale zuverlässiger Bündnispartner von Regierungschef Silvio Berlusconi. Sich im «Fall Priebke» querzulegen, hätte für die damals mit Schwierigkeiten ringende Regierung bedeutet, sich dem gängigen Vorwurf der Sympathie für den «Nazismus» auszusetzen. «Dies hätte, wie der Fall des ehemaligen österreichischen Präsidenten Kurt Waldheim mit aller wünschenswerten Klarheit bewiesen hat, ohne jeden Zweifel eine weltweite, unbeschreibliche Hysterie heraufbeschworen.»3 Geburtshelfer für die Verleumdungskampagne gegen Waldheim war der damalige UNO-Botschafter und spätere israelische Premierminister Benjamin Netanjahu. Im UNO-Gebäude wurden Akten gefälscht, die dann im rechten Moment zum Vorschein kamen.4

Der «Fall Priebke» war im Sinne des Alten Testaments ein archaisches Opferritual, bei dem das Opfer am Ende geschlachtet werden musste, um die Erinnerung an die «Naziverbrechen» zu beschwören (Paolo Giachini).


Autobiographie «Vae Victis»
von Erich Priebke und Paolo Giachini, 1032 Seiten,
aus dem Italienischen übersetzt von Jürgen Graf.
Preis 42 Euro inkl. Versand und Nachnahmekosten.
Buchbestellung an: Signor Erich Priebke, Via Cardinale Sanfelice 5, 00167 Rom, Italien

Fussnoten

1 Die Angreifer hatten Verstärkung aus dem nahegelegenen Judenviertel erhalten.

2 Dem Presseclub Schweiz liegt ein DVD-Dokumentarfilm vor, welcher die Vorkommnisse bestätigt.

3 «Vae Victis», Rom 2003, deutsch 2005, S. 270.

4 Victor Ostrovsky, «Geheimakte Mossad», Goldmann Verlag, S. 287