Maurice Bavaud – Der Schweizer,
der Hitler erschiessen wollte

Die Vergangenheitsbewältiger haben wieder einmal zugeschlagen. Der „Tages-Anzeiger“, Desinformationsblatt Nr. 1 der Schweiz schrieb am 2.4.1998, Bavaud sei erst nach später Einsicht in der „heutigen Geschichtskrise“ der Schweiz „rehabilitiert“ worden. Von Rehabilitierung des „jungen, etwas wirren Neuenbürger Theologiestudenten“ kann keine Rede sein. Der Bundesrat hat Bavaud höchstens „Anerkennung“ gezollt, wie die Neue Zürcher Zeitung (2.4.1998) in Anführungszeichen korrekt schrieb. Die Stellungnahme des Bundesrates ist äusserst fragwürdig.

Der Bundesrat anerkennt, dass sich die Schweiz „unter Einschluss namentlich des Gesandten in Berlin“ nicht genügend für den 1941 in Berlin hingerichteten Maurice Bavaud eingesetzt haben. Der Schweizer Gesandte in Berlin, Hans Frölicher, nannte die Absichten Bavauds „verabscheuungswürdig“. Frölichers Aussage war völlig korrekt und entspricht diplomatischen Gepflogenheiten. Wer das Staatsoberhaupt eines fremden Landes ermorden will, handelt in der Tat verabscheuungswürdig. Bavaud, der ein Attentat auf Hitler versucht hatte, verdiene Anerkennung und «einen Platz in unserem Gedächtnis», schreibt die Landesregierung. «Maurice Bavaud hat möglicherweise geahnt, welches Verhängnis Hitler über die Welt und namentlich über Europa bringen würde. Er gehört zum Kreis jener Personen, welche - leider vergeblich - versucht haben, dieses Unheil abzuwenden». Das ist eine mythische Spekulation, welche im krassen Widerspruch zu den bekannten Fakten steht. Bavaud hatte nicht die hehren Absichten und den Weitblick, der ihm heute unterstellt wird.

Auslöser der bundesrätlichen Beweihräucherung Bavauds war eine Einfache Anfrage des umtriebigen St. Galler Nationalrates Paul Rechsteiner (SP, St. Gallen) im Hinblick auf eine Rehabilitierung von Maurice Bavaud. Rechsteiner hatte als Rechtsanwalt der Erben von Paul Grüninger bei dessen Rehabilitierung entscheidend mitwirkte.

Weiter schreibt die Landesregierung, «dass die uns zur Verfügung stehenden Dokumente die Motive des Verhaltens von Maurice Bavaud und der Schweizer Behörden nicht restlos zu klären vermögen».

Über Bavauds Motive und Vorgehensweise ist weit mehr bekannt als der Bundesrat wahrhaben will. Hier mit Bezug auf Hitler von bösen Ahnungen zu schreiben, ist absurd. Bavaud wollte Hitler ermorden, weil er in ihm einen geheimen Bolschewisten sah. Er stand mit seinen Ansichten Hitler weit näher als seinen linken Apologeten heute lieb sein kann.

W. Christen (Lyss), 1935/36 Pensionär bei der Familie Bavaud berichtete in einem Leserbrief in der NZZ vom 17.4.1998: „Maurice, eifriges Mitglied der Partei (des Front national) und Bewunderer von Oltramare [Faschist in Genf], hielt uns Schülern politische Vorträge, verdammte alle Linksparteien und warb für eine neue, ständische Ordnung. Wir hörten ihm - nach dem Essen - nie lange zu, und wenn, dann mit halbem Ohr. Einer nannte ihn einen Spinner, wir anderen, apolitischen Schüler empfanden ihn als Fanatiker. ... Bavauds Versuch war läppisch, entsprang seiner Geltungssucht, und war von Anfang an zum Misserfolg verurteilt.“

Das Bild des edlen aber naiven Tyrannenmörders wird vollends zerstört, wenn man das Schweizer Lexikon 91 konsultiert. Gemäss Eintrag wurde Maurice Bavaud (geb. 15.1.1916) vor Ausführung eines Attentates auf Hitler verhaftetet. Zu einem eigentlich Attentatsversuch ist es also nie gekommen, alles andere ist reine Propaganda. Als eines von sieben Kindern einer streng katholischen Familie trat Bavaud 1935 nach einer Bauzeichnerlehre in das Missionspriesterseminar von St. Ilan (Bretagne) ein. Es entwickelte sich eine starke Bindung zu dem Mitschüler M. Gerbohay. Dieser hatte den Wahn, Abkömmling der Romanows zu sein und dereinst auf den Zarenthron zurückzukehren; Hitler als geheimer Bolschewist stehe im Wege und müsse ausgeschaltet werden. Bavaud brach 1938 das Theologiestudium ab und suchte im Oktober Verwandte in Baden-Baden auf, um in Deutschland Arbeit zu finden. Nach einem Abstecher nach Basel, wo er eine Kleinpistole kaufte, kam es zu Fahrten zw. Berlin, München und Berchtesgaden: Er wollte Hitler nahekommen und ihn umbringen. Das amateurhaft angegangene Vorhaben endete ganz banal damit, dass der inzwischen mittellose Bavaud wegen Schwarzfahrens am 13.11.1938 verhaftet wurde und wegen Waffenbesitz in Untersuchungshaft kam. Er gestand unklugerweise die Mordabsichten an Hitler, womit er sein Todesurteil praktisch unterschrieben hatte, das am 18.12.1938 ausgesprochen wurde. Da man erfolglos nach weiteren Hintermännern suchte, wurde das Todesurteil erst am 14.5.1941 vollstreckt. Gerbohay wurde übrigens am 1.1.1942 in Frankreich entdeckt und 1943 ebenfalls in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Das kann jeder selber im genannten Lexikon nachlesen. Wenn der Bundesrat nun Bavaud „Anerkennung“ als eine Art tragischer Märtyrer zollt, so ist das nur mit dem massiven politischen Druck zu erklären, der heute auf der Schweiz lastet.